woe 02.04.2010
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woe 02.04.2010
Das serbische Parlament hat mit sich gerungen, lange, gründlich und dann doch ein Zeichen gesetzt: 127 von 250 Abgeordneten haben dafür gestimmt, dass die Volksvertretung Serbiens sich per Resolution für das Massaker an etwa 8000 bosnischen Muslimen in Srebebrenica entschuldigt.
Gewiss, die Resolution fang nur eine knappe Mehrheit, Kommentatoren bemängeln auch, dass das Wort Völkermord nicht darin vorgekommen ist und die rechten Parteien in Serbien haben reichlich Tränen darüber vergossen, dass ihr Land diese Entschuldigung über die Lippen brachte.
Die Rechten fürchten, dass Serbien nun ewig als Schuldiger in den Geschichtsbüchern stehen wird und verkennen dabei, dass die Anerkennung von Schuld das Tor für den Weg zurück öffnet.
Es ist wohl kein Volk auf Erden zu finden, das Staaten bildete und dabei rein und unschuldig blieb. Wir Deutschen sind damit nicht allein aber noch immer sehr prominent.
Auch bei uns hat es reichlich Getöse gegeben, als unser Bundeskanzler im Dezember 1970 plötzlich nicht nur eine Verneigung vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghettos vollzog sondern, für alle Welt sichtbar, demütig niederkniete. Willy Brandt schreib damit eine andere Art deutscher Geschichte und ich entsinne mich noch lebhaft, wie sehr er dafür angefeindet wurde.
Ehrlosigkeit war ein Wort das ich oft dabei hörte und in meinem Herzen trug ich die Erkenntnis mit mir, dass Ehre oft von jenen erworben wird, die es wagen, deren Aberkennung durch Eiferer zu ignorieren.
Brandts Kniefall war eine Geste die auf sein Heimatland zurück fiel. Nicht nur, dass unser Ansehen in der Welt damit besser wurde und er ein Jahr später mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde. Nein, auch die Ansichten änderten sich. Der Streit über die bloße Geste öffnete den Blick auf die Geschichte.
Mein eigener, von mir wirklich sehr geschätzter Vater, tat sich entsetzlich schwer mit dieser Geste. Anfangs war sie ihm ehrlich peinlich, Ressentiments gegen Polen wurden wach und wir setzten uns einige Nächte darüber auseinander. Wir informierten uns, lasen, hörten und redeten.
Am Ende, als er die Geschichte des Aufstandes im Warschauer Ghetto erneut und gründlich bedacht hatte, war er sehr wohl der Meinung, dass sein Kanzler zur Ehrung jener Menschen, die sich da erhoben hatten, auf die Knie gehen durfte.
Ich will hoffen, dass Serbien mit dieser Resolution ähnliche Diskussionen und ähnliche Klarheit erlangen kann.
Gewiss ist diese serbische Geste nicht ohne Eigennutz: Serbien will gern in die EU. Im vergangenen Dezember beantragte es die Aufnahme und erfuhr, dass Gespräche darüber erst beginnen können, wenn der General, der die serbischen Massakertruppen führte, dem internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag überstellt ist.
Der Ex-General Ratko Mladic wird noch heute von vielen Serben als Held gefeierten. Er soll sich in Serbien versteckt halten und dort breite Deckung genießen. Wenn gerade der jungen Generation in Serbien die Augen für die tatsächliche Geschichte geöffnet werden, könnte sich das ändern.
Mir ist auf jeden Fall gleich mit welcher Mehrheit die Resolution angenommen wurde. Sie ist nun in der Welt und es gab eine Mehrheit, wir können also für Serbien hoffen.
woe 02.04.2010
Helmut Kohl wird achtzig, Glückwunsch!
Seine Söhne werden das gut finden, Freunde auch und ich gönne ihm das Alter ebenfalls, ebenso wie Gesundheit und Glück. Wenn ich mit achtzig ein- zwei solche knackigen Gefährtinnen haben werde, so ich dann noch lebe, werde ich mir ein Loch in den Bauch freuen.
Sofern nun lobende Worte angestimmt werden, wird sich die CDU auch fleißig an seine Seite kuscheln. Zur Neuauflage eines kohlschen Ehrenvorsitzes für die CDU wird es aber, geht es nach Angela Merkel, nicht kommen. Sie weiß, dass Schmutzflecken aus dem Spendensumpf lang anhaften und das Besondere an Helmut Kohl ist wohl, dass mit seinem Namen ruhmreiche Taten ebenso verbunden sind, wie ruchlose. Seine Bäder im Spendensumpf gehören dazu, unzählige Geschichten über sein ungeschicktes Benehmen und antiintellektuelle Geistesblitze ebenfalls.
In die Geschichte wird er als der Vereinigungskanzler eingehen.
Ein wunder Punkt für mich, kann ich doch nicht umhin zuzugeben, dass er für mich genau das nicht war.
Warum ich gerade jetzt damit anfange?
Ganz einfach: Ich wünsche ihm ein langes Leben. Der Mann wird aber achtzig und sollte ihm Etwas zustoßen, werde ich mich nicht hinsetzen und einen Nachruf verfassen indem ich anfange seine Verdienste auseinander zu nehmen. Das erledige ich besser vorher, dann kann ich im Falle eines Falles respektvoll bleiben.
Für mich saß Helmut Kohl zufällig gerade auf dem Kanzlersessel als ihn die Wiedervereinigung kalt erwischt hat.
Der Mann, die Männer, die in meinen Augen die meisten westdeutschen Impulse auf dem Weg zu diesen Ereignissen gegeben haben, sind Egon Bahr und Willy Brandt. Sie haben mit seltsamen Mitteln wie "Wandel durch Annäherung" Türchen, Törchen, Spalten, Täler geöffnet, durch die dann der Virus der Freiheit in den Ostblock dringen konnte. Späte Jünger Erich Honneckers schmähen Kohl und hassen Brandt.
Wir wollen auch die anderen Deutschen nicht übersehen, die den Weg dahin bereitet haben, mehr und riskanter als Helmut Kohl: Die Menschen die innerhalb der DDR auf die Straße gegangen sind und dabei nicht selten nur durch Glück am Leben blieben.
Nein, Helmut Kohl hat für mich die Wiedervereinigung exekutiert und er hatte genug Gründe, daraus besser keinen Neuanfang sondern einen Betritt werden zu lassen.
Gerade in diesen Tagen sucht ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss Bewiese dafür zu finden, dass die Entscheidung für Gorleben politisch und nicht wissenschaftlich gefällt wurde. Ich persönlich glaube, dass sie politisch war und ich glaube auch, dass man absichtsvoll ein Nest im Zonenrandgebiet aussuchte, um den Abfall genau an diesen Rand zu kippen. Keinem westlichen Nachbarn mochte Kohl die Verbringung strahlenden Mülls an dessen Zaun zumuten. In die Mitte der Bundesrepublik mochte er die gefährliche Deponie aber auch nicht stellen.
Hätten Kohl oder einer seiner Leute berechtigte Gründe gehabt, so bald mit der Wiedervereinigung zu rechnen, hätten sie gewiss noch einmal darüber nachgedacht, ob Gorlebens Radlage genügt, haben sie aber nicht.
Nein, Kohl war der Wendekanzler und hat geerntet, was ihm in den Schoß fiel. Im Übrigen war er schlicht ein Machtmensch wie alle Anderen. Ich glaube ohnehin, dass Menschen die Macht ausüben, nie sauber bleiben. Die Einen treiben das schlimmer die Anderen nicht, Dreck haben sie zwangsläufig alle irgendwo und wenn nicht objektiv, dann wenigstens für die subjektive Sicht des politischen Gegners.
Kohl hatte ein erstaunliches Talent dafür, Fettnäpfchen zu finden und hinein zu springen. Immerhin hat er die meisten dieser Sprünge politisch überlebt. Das hätte gewiss nicht Jeder geschafft. Er war aber auch ein Kanzler der bleiernen Zeit, für die Bundesrepublik und gerade für die CDU. Er hatte Macht, er setzte sie rigoros ein und er war bereit, dafür Alles zu geben, auch und gern die Zukunft der denkenden Elite der Union.
woe 03.04.2010
Drei Soldaten der Bundeswehr sind in Afghanistan gefallen, wenigstens drei Familien haben ein vollkommen anderes Osterfest als erhofft und einige Familien bangen noch, weil es auch schwer Verletzte gab.
Mienensucher der Bundeswehr gerieten in einen wohl sorgfältig geplanten Hinterhalt, zu Guttenberg hat Feuertaufe, erstmals sind es seine Jungs die da fielen.
Dass sie am Karfreitag fielen, ist gewiss kein Zufall. Auch Taliban informieren sich über ihre Gegner und so haben sie wohl beschlossen, uns einen althochdeutschen Klage-Freitag zu bescheren.
Dem Vernehmen nach sind aber nicht nur drei deutsche Leben vorüber sondern auch fünf afghanische. Unter den Toten der Gegner soll wohl auch ein örtlicher Anführer sein.
Einstweilen aber beherrscht, vor aller Lust zu kommentieren, der Gedanke an jene Menschen mein Denken, die jetzt da sitzen und dieses lange, lange "warum?" fragen.
Vollkommen gleichgültig warum Menschen sich mit den Gefallenen verbunden fühlen, sie fühlen sich jetzt beschissen. Worte können das nicht ändern, allenfalls Glaube kann Hoffnung geben und sonst bleibt Nichts weiter als drei Hüllen, die zu Grabe getragen werden müssen.
Deutschland ist im Krieg und es gibt drei wieder Opfer.
Hoffen wir, dass die Schwerverletzten durch - und wieder ganz gesund auf die Beine kommen.
woe 04.04.2010
Was ist da los, in Afghanistan?
Im vergangenen Jahr wurden Zivilisten auf Bundeswehrbefehl hin und wohl auch unter deutscher Umgehung des vereinbarten Procedere getötet. Jetzt sind afghanische Soldaten durch deutsche Kugeln gefallen, die deutschen Soldaten zur Hilfe kommen wollten.
Halt! Bevor wir mit dem Reigen üblicher Kurzschlüsse hier anfangen: Ja, ich weiß dass Deutsche fielen und ich werde das jetzt nicht klein schreiben. Mir sind aber deutsche und afghanische Leben nicht unterschiedlich viel wert also reicht es nicht, allein vor den deutschen Opfern und ihren Familien das Haupt zu neigen. Die afghanischen Soldaten sind nicht weniger wert und ihre Familien trauen nicht weniger um Söhne, Männer, Väter und Brüder.
Doch noch einmal die Frage: Was ist los?
Wobei: Muss ich fragen was in Afghanistan los ist oder ist die Frage nicht besser gestellt, wenn ich wissen will, was grundsätzlich schief läuft bei der Geschichte?
Seien wir ehrlich: Das Bild einer Sache wird letztlich durch einprägsame Ereignisse vermittelt. Gebaute Schulen, gebohrte Brunnen und ausgerüstete Krankenhäuser verblassen schnell neben Toten und Verstümmelten.
Mir will aber auch scheinen, dass der deutsche Afghanistaneinsatz halbherzig ist.
Ich kann es mir nicht erklären und es ist richtigen Journalisten anheim gestellt, sich daran zu machen, offen zu berichten wie der deutsche Afghanistaneinsatz wirklich betrieben wird, wie die Ausrüstung ausschaut, wie die Ausbildung und wie die Direktiven.
Dennoch: Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, als würden unsere Soldaten in einen Einsatz geschickt, der ihrem Herkunftsland peinlich ist, wenigstens der politischen Kaste dort.
Gewiss: Politisch war es wohl opportun gewesen, irgendwo mit zu machen, der Bundeswehreinsatz im Kosovo war ja nichts Aufregendes, damit konnte man das Gesicht bei den Verbündeten nicht wahren.
Joschka Fischer und Gerhard Schröder waren sehr gut beraten, sich aus dem widerlich verlogenen Irakkrieg heraus zu halten. Die Zahl der trauernden deutschen Familien wäre ungleich höher und in den Gemeinden, wenigstens aber in den Landkreisen würde man längst über zentrale Heldengedenkstätten nachsinnen und es würden verdammt viele Veteranen über fehlende Arme, Hände, Beine oder Nerven klagen. Anders als Amerika sind wir auch kein Einwanderungsland und also könnten wir nicht auf die Idee verfallen, den Einwanderern im Irak eine Eintrittskarte für unser Land anzubieten, wenn die da ne Weile ihren Kopf für uns hingehalten haben.
Der deutsche Afghanistaneinsatz kommt mir wie ein Alibi vor und keineswegs wie ein ernsthaft betriebenes Unterfangen. Franz Josef Jung wird in die Geschichte als der Verteidigungsminister eingehen, der den Krieg dort beharrlich leugnete. Unter ihm fielen deutsche Soldaten im Frieden. Dabei ist es gleich, ob er das auf Weisung seiner Kanzlerin so sagte oder selber so dachte: Er hat es getan und nur das zählt!
Nun ist es Sache des neuen Verteidigungsministers, dafür Sorge zu tragen, dass seine Jungs da in Afghanistan einen klar umrissenen Auftrag haben und die Mittel, den auch durchzuführen.
Damit meine ich aber nicht den Auftrag: "Seit uns ein Pflaster für unser Image gegenüber der Welt". Dafür vergießt man kein Blut, dafür ist nicht mal ne Fingerverletzung gerechtfertigt, das sollen gefälligst Politiker erledigen, nicht unsere Soldaten. Politiker riskieren allenfalls die Kariere, Soldaten das Leben, ich sehe da einen Unterschied, unsere Soldaten und ihre Familien sicher auch.
Plötzlich werden immer mehr Stimmen laut, die da sagen, dass unsere Truppen unzureichend ausgerüstet und unzureichend ausgebildet nach Afghanistan geschickt werden. Wenn das stimmt, machen sich hier diverse Leute schuldig Leben leichtfertig auf Spiel zu setzen.
Jetzt kann der Mann, den man auf dem Posten des Verteidigungsministers eine Weile mal kalt stellen mochte, beweisen, aus welchem Holz er ist. Da ist eine ganze Truppe die auf ihn sieht, nur zu bereit zu glauben, dass er einer von ihnen, dass er ihr Mann ist. Dieser Verteidigungsminister kann wachsen und beides Verteidigen: Sein Land ebenso wie seine Männer!
Wenn zu Guttemberg es wagt, aufzustehen und den Einsatz dort gerade zu rücken, sitzt er mit tödlicher Sicherheit zwischen allen Stühlen und wird Prügel ohne Ende beziehen. Er hat aber auch die Chance, sich den Ruf eines Politikers mit Rückgrad zu erwerben und er weiß das auch. Der Mann ist zwar durchaus glatt, in dem Haifischbecken hat er anders auch keine Chance, er ist aber auch nicht dumm und warum soll nicht mal ein heller Kopf aus Bayern zu einem respektablen Bundespolitiker werden?
woe 08.04.2010
Es ist so verdammt schwer ein anständiger Mensch in den eigenen Augen zu bleiben.
Wenn man dann auch noch seinen Senf zu allen Möglichen Dingen auf der Welt zum Besten geben will, wird das bisweilen zum problematischen Unterfangen. Wagt man sich als Deutscher an den Kommentar zu einem Skandal der in Israel geschieht und noch dazu an einen, der dort nicht von Arabern sondern von Israelis betrieben wird, ist das Kind im Brunnen, bevor das erste Wort auf dem Bildschirm steht.
Man laviert zwischen verdammt vielen "No Gos", echten Tabufixpunkten und diversen Variablen umher und heraus kommt nur mit ungeheurem Glück eine geradlinige Kommunikation.
Wie also stelle ich es an, mein Unbehagen über die Geschichte von der Anat Kamm zu äußern, ohne Beifall von der falschen Seite zu ernten?
Anat Kamm hat offenbar Informationen weiter gegeben, die belegen, dass die israelische Armee weiterhin "gezielte Tötungen" an Palästinensern verübte. Israels Oberster Gerichtshof hatte zwar genau das verboten, die israelische Armee interessierte das aber nicht und ignorierte das Urteil. Anat Kamm erfuhr davon, während ihres Militärdienstes und trug Sorge, dass dieser Verstoß gegen den Richterspruch bekannt wurde. Das trug ihr dann selbst einen Richterspruch ein: Sie steht unter Hausarrest, kein Journalist darf in Israel über diese Geschichte schreiben, wenn er nicht selbst ins Gefängnis will. Über Allem liegt der Mantel des bedrohlichen Schweigens, Sicherheitsapparat und Geheimdienste Israels sind involviert.
Machen wir uns nichts vor: Jeder von uns assoziiert, dass leicht Blut fließen kann, wenn die israelischen Geheimdienstler im Spiel sind und hier sind sie es. Wer nicht lange nachdenkt, wundert sich im ersten Moment gar, dass die Frau noch lebt. Erst bei einschalten der politisch korrekten Denkweise kehrt die Vernunft zurück und man weiß, dass selbst die schwarzen Schafe Israels keine schwarzen SS-Uniformen tragen.
Israel ist zivilisiert, es bringt Nestbeschmutzer nicht gleich um. Dass Israel aber vom Umbringen was versteht, davon geht inzwischen jeder hier und anderswo aus.
Es ist beschämend für mich, überhaupt darüber schrieben zu müssen. Als kleiner Junge wälzte ich mich manche Nacht schlaflos bei den Grübeleien über die industriellen Judenmorde in Deutschland. Wie konnten so viele Menschen getötet werden, ohne sich zu wehren?
Mein Gott wie war ich glücklich, als der Sechstagekrieg glücklich für die Menschen ausging, denen ich mich so sehr verbunden fühlte.
Ich hatte zuvor mit großer Erleichterung schon gelernt, dass die Juden sich nicht alle haben wehrlos zur Schlachtbank führen lassen. Ich hatte gelesen über den Aufstand im Warschauer Ghetto, jenen jüdischen Wohnbezirk in Warschau, der zwar untergegangen war, jedoch kämpfend. Und ich hatte Willy Brandt vor dem Mahnmal für die Opfer knien sehen, mit Stolz und Freude über diese Geste die er auch für mich zeigte.
Welch ein Krieg tobte in meiner Brust. Damals waren die Uniformen noch nicht unterscheidbar für mich, ich hasste die Täter und liebte den eigenen Vater. Der aber hatte die Uniform mit dem Adler und dem Kreuz im Kranz ebenfalls getragen und ich war froh gewesen, dass er zurück gekommen war, von der Ostfront, um zehn Jahre nach dem Wahnsinn mich auf den Weg zu bringen. Er war es, der mir dann schonungslos erzählt hatte, dass die Berichte über die Morde stimmten, er leugnete, anders als andere Väter, nicht ein einziges Mal die Verbrechen die im Rücken der Front verübt wurden.
Ich brauchte keine Wehrmachtsausstellung um zu wissen, dass auch die Wehrmacht an den Judenmorden teilgenommen hatte. Ich wusste es von meinem Vater. Ich war stolz, einen ehrlichen gehabt zu haben.
Was aber soll ein Deutscher heute sagen der wach im Bett lag und mit jeder Faser seines Wesens gehofft hatte, dass Israel gewinnen möge, ob im Sechstagekrieg oder zu Jom-Kippur?
Beinahe bin ich versucht, eine Wiederholung zu erkennen: Ich war bedingungsloser Sohn meines Vaters, stand ohne jeden Zweifel auf seiner Seite ohne dabei auch nur einmal versucht zu sein, die Verbrechen zu leugnen, die von jenen Uniformen ausgegangen waren, die auch er getragen hatte. Er mochte das Wort Ehrenkleid überhaupt nicht.
Ebenso aber geht es mir mit Israel und den Israelis: Ich mag sie einfach. Sie haben gekämpft, im Krieg und gegen die Wüste. Sie haben gelitten aber sie sind aufgestanden und haben das Leben in die Hand genommen. Wie sehr könnte Israel ein leuchtendes Beispiel für das Leben sein, wenn nicht zugleich primitive unter ihnen wären, die die Ehre dieses stolzen Volkes besudeln?
Wer Verbrechen vertuscht macht sich schuldig, weil er ihre Wiederholung wahrscheinlicher, gefahrloser macht.
Wir schweigen nicht über die deutsche Schuld und Anat Kamm nicht über die israelische. Schlächter, Mörder und Verbrecher dürfen sich unter keinem Mantel verkriechen können, sie müssen ans Licht.
Den moralischen Zeigefinger bekomme ich aber nicht in die Höhe, lese ich dieser Tage doch, wie der SS-Standartenführer Martin Sanberger, Akademiker und Mörder, trotz Verurteilung gänzlich unbehelligt sehr gemütlich in Deutschland alt werden konnte. Wir haben auch unsere schweigsamen Mäntel und Sandberger hat sich jetzt ganz gemütlich vom Acker gemacht. Er starb Ende vergangenen Monats, weder von Mörder- noch von Hänkerhand.
woe 08.04.2010
Unsere Kanzlerin geht nun auch trauern und wir alle können nur hoffen, dass solche sehr wohl nötigen Gesten nicht die Regierungsarbeit blockieren. Würde der Tod deutscher Soldaten in Afghanistan zur Gewohnheit werden, könnte die Regierungsarbeit darunter leiden, auch zeitlich.
Ohnehin war es ja noch nie Angela Merkels Ding, sich allzu laut um Afghanistan zu kümmern. Das war früher ein Spielfeld für den "taffen" Steinmeier und den maulfaulen Jung und danach für Guido Westerwelle und den eigentlich gern bei Seite geschobenen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg. Die Chefin mochte lieber nicht zu sehr als Akteurin im Zusammenhang mit der ungeliebten Mission in das Bewusstsein der Bevölkerung eingehen. Wer weiß, wie viel Ungemach damit noch einher gehen wird.
Interessant ist, dass ausgerechnet die Berichterstattung der Bildzeitung offenbar dazu führte, dass die Chefin nun selbst zum öffentlichen Trauern aus dem Urlaub kommen wird. Zu Guttenberg wird aber dennoch vor den Trauernden sprechen und nicht die Kanzlerin.
Für mich gilt auch hier: Die Toten waren in unserem Namen im Einsatz, sich vor ihnen zu verneigen ist unsere Sache, ganz gleich wie wir ihrem Einsatz gegenüber stehen. Streiten können wir uns darüber noch genug, wir müssen nur daran denken, dass auch was getan wird, dass nicht noch mehr Trauerfeiern nötig werden.
Ich persönlich neige zu der Bemerkung, dass sich unser Land wohl klar darüber werden muss, was es selbst in dieser Sache tun will. Am besten ganz unabhängig davon, welchen Zwängen von Seiten unserer Verbündeten wir ausgesetzt sind.
Zu Guttenberg sprich nun endlich von Krieg, das ist aber in den Köpfen hier zu Lande noch nicht angekommen. Es gibt zwar Tote, Verkehrstote gibt es aber deutlich mehr und darüber redet auch keiner sonderlich laut.
Mir kommt das noch immer so vor als spielten unsere Verantwortlichen mit der Hoffnung, dass man ein bisschen mitmachen könnte, sich aber aus dem echten Krieg dort womöglich doch verdrücken kann.
Es gibt aber keinen halben Krieg, das ist ähnlich wie mit einer Schwangerschaft, etwas schwanger geht auch nicht.
Nein, wer in einen Krieg zieht, muss das mit vollem Wissen und Willen tun. Wer nebenbei mal ein bisschen Krieg spielt, zahlt dafür immer mit Blut und ohne jede Aussicht auf einen Sieg. Wer sich dafür entscheidet, riskiert das Leben der Eingesetzten für Nichts.
Uns allen ist längst klar, dass der "Friedenseinsatz" nur eine Ausrede war. Wir mussten Soldaten schicken, um unsere Bündnistreue zu zeigen und taten das so billig wie möglich. Auch was die Ausrüstung betrifft, wie inzwischen verlautet.
Man stelle sich das vor: Da werden Männer zu Grabe getragen, die unser Land als Soldaten nach Afghanistan gesandt hatte. Sie waren bewaffnet und mit dem ausdrücklichen Verlangen zum Kampf bereit zu sein, in Marsch gesetzt worden.
Nun sind sie zurück, tot, gefallen in einem Ernstfall, den alle klein reden wollten. Die reden unserer Politiker schützen unsere Soldaten aber nicht vor den Kugeln der Taliban, auch nicht vor deren Sprengfallen und Minen.
Was tun unser Land also wirklich, um die Sache dort ehrlich und effektiv zu Ende zu bringen? Gibt es realistische Einschätzungen oder nur politische Nebelwände, Ausreden und das Prinzip Hoffnung? Hoffnung, dass es schon irgendwie glimpflich abgehen wird?
Und, letzte Frage: Wie viele Menschenleben wird es kosten, bis wir zu realistischen Einschätzungen kommen, wenn es nach der SPIEGELonline-Liste neununddreißig Mann das Leben gekostet hat, bis Krieg genannt wurde, was Krieg ist?
woe 11.04.2010
In Afghanistan ist Krieg und unsere Soldaten sind auch dabei. Was ich nicht recht verstehe ist, was die denn da machen können, damit sie eines Tages wieder ruhig und siegreich nach Hause fahren können.
Gewiss: Es werden zivile Aufbauhilfen gegeben, Polizisten ausgebildet und die Bundeswehr zeigt Präsenz, indem sie Patrouille fährt. Letzteres, das wissen wir nicht erst seit Karfreitag dieses Jahres, ist bisweilen ein heikles, leider manchmal auch ein tödliches Unterfangen.
Der US-Präsident hat sich die Sache angesehen und seinerseits einen Fünf-Punkte-Plan beschlossen und verkündet.
Die USA verdoppeln ihre Truppen, weiten die Ausbildung afghanischer Kräfte aus, ebenso wie den zivilen Aufbau, tragen den Kampf nach Pakistan und werben (mit Anreizen) um Abtrünnige von der Widerstandfront.
Was mir bei all den vielen Dingen die wir zusammenhanglos aus Afghanistan hören, nicht einleuchtet ist, was da überhaupt los ist.
Von ferne höre ich, dass Dort Korruption herrscht. Für uns Europäer nichts wirklich fremdes, sehen wir allein nach Griechenland und hören wir uns die Gerüchte über Italien an.
Darüber hinaus laufen da diverse Fundamentalisten frei herum, die meinen, dass man Mädchen nicht zur Schule lassen und Frauen keinerlei Rechte geben müsse. Wer so systematisch ein einen erheblichen Bevölkerungsteil derart diskriminiert, ist in meinen Augen übrigens ein Verbrecher, ganz gleich in welchem Land der lebt. Die afghanischen Fundamentalisten zünden immer mal gern Schulden an, die Mädchen unterrichten und sind überhaupt nicht zimperlich in ihrer Intoleranz.
Ich frage mich aber, was die in Afghanistan Mächtigen dazu bringt, nicht mit dem Westen zu gehen sondern immer wieder mit den Taliban zu liebäugeln und manchmal glaube ich, dass die Antwort ganz einfach ist: Geld regiert die Welt.
Wie ich höre, ist Afghanistan so ganz nebenbei auch einer der - oder gar der größte Opiumanbaustaat der Erde. Opium und seine Produkte füllen die Kassen von Provinzfürsten und Warlords. Die leben davon und sie finanzieren damit den Krieg gegen unsere Soldaten und die unserer Verbündeten.
Damit bin ich auch am Kern meiner heutigen Grübelei und ich denke mir meine Kette:
Mohn wird auf Feldern angebaut
Während des Wachstums ist der Mohn stationär, verwirrend schneller Stellungswechsel ist ausgeschlossen.
Die Mohnpflanzen haben mit Sicherheit typisch Merkmale, wenn sie haufenweise auftreten.
Diese Merkmale sind findbar, per Satellit, per Flugzeug, sie sind irgendwie aufspürbar. Wenn nicht, wäre Geld zur Erforschung genau dieser technisch perfekten Aufspürmöglichkeit mit Sicherheit sehr gut angelegt.
Warum brennen also nicht die Mohnfelder in Afghanistan, bevor die abgeerntet - und zu Geld gemacht werden können, das unsere Soldaten tötet?
Es ärgert mich, dass wir über die langfristigen Pläne x-beliebige Schlagersänger oder Fußballkicker mehr wissen als über die der eigenen Einsatztruppe in einem Land in dem Krieg herrscht.
Also: Wann brennen die Mohnfelder in Afghanistan?
woe 12.04.2010
Auch für laesterwelle.de gilt: Erst denken, dann reden!
Brennende Mohnfelder sind eine recht kurzsichtige Idee, um niht zu sagen: Eine dumme!
Würden wir systematisch den Mohnanbau in Afghanistan durch Feuer bekämpfen, um den Worlords ihren Geldhahn abzudrehen, würde es dabei zu viele unschuldige Opfer geben, dessen können wir gewiss sein. Nicht nur durch Flammenwerfer oder Napalmbomben sondern schlicht indem wir den Bauern ihre Lebensgrundlage entziehen würden und sie so massenweise gegen uns aufbrächten.
Es darf angenommen werden, dass der Mohnanbau durch ganz normale Landmenschen erledigt wird. Bauern, die ihre Familien ernähren wollen. Die tun also nichts Anderes als der Kartoffelbauer von nebenan oder der Winzer um die Ecke.
Wir müssen den Landleuten von Afghanistan also Alternativen bieten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn es irgend geht, sollten sie etwas mehr als durch Mohnanbau verdienen können oder wenigstens etwas bequemer.
Die Worlords werden ihnen nicht viel Zahlen, wir müssten also nicht fürchten, die Summen investieren zu müssen, die wir hier zu Lande für die Endprodukte des Stoffes zahlen müssten, der in Afghanistan angebaut wird.
Die Bauern sind die, die die Arbeit machen. Für die, die mit ihrer Hände Arbeit ihr Brot verdienen, kommt nie viel dabei rum.
Wenn wir aus Mohn was sinnvolles machen können, kaufen wir eben den Mohn auf, auch, wenn ich die Mohnsammelstelle mit Bundeswehrkreuz und Bundesadler gewiss nicht ganz ernst meine. Wenn das nicht klappt, werden wir nachsinnen müssen, was wir sonst brauchen können.
<b>Wandel durch Handel</b> ist die Devise. Soldaten allein werden nicht reichen, dem internationalen Terror den Boden in Afghanistan zu entziehen. Panzer helfen gegen die Taliban vordergründig, Grips hilft nachhaltig und wir wollen irgendwann unsere Truppen nach Hause holen, lebend.
woe 14.04.2010
So, nun ist es also raus: Angela Merkel & Co können also verstehen, dass das Volk umgangssprachlich von Krieg redet, wenn es um den Zustand in Afghanistan geht. Toll! Kaum ist diese lang geschonte Grenze überschritten, werden auch schon Haubitzen an den Hindukusch verlegt. Mir kommt es so vor als sei ein Damm gebrochen. Was wird morgen verlegt werden und wie schnell stecken wir noch viel tiefer drin?
Natürlich, ich habe auch schon munter schwadroniert, dass man die Opiumfelder in Brand setzen sollte, um den Worlords die Geldquellen abzuschneiden, habe dann an die armen Bauern gedacht und und und ...
Aber mal ehrlich: Was weiß ich wirklich von Afghanistan? Was will ich eigentlich?
Letztlich habe ich keinen Schimmer davon, was Afghanistan ist. Ich finde es auf der Landkarte, kann Wikipedia lesen und andere Quellen finden aber ich weiß nicht die Bohne darüber, was das für ein Land ist und kann keinen Grund aufsagen, warum dort unsere Soldaten ins Gefecht ziehen sollten.
Ich habe auch keinen Schimmer, ob das Volk das dort lebt, uns überhaupt da haben will. Will irgendwer Demokratie in Afghanistan?
Immerhin, als die Taliban ihre Schreckensherrschaft dort übten, waren bei den öffentlich zelebrierten Bestrafungsorgien und Hinrichtungen verdammt viele Zuschauern zugegen. Waren das Schaulustige, die sich am Leid anderer Menschen delektierten oder waren es hinbefohlene Zeugen, die keine Wahl hatten weil die Machthaber in jedem Kopf und in jedem Herzen Angst sähen wollten?
Wenn es Schaulustige waren, hebt das weder meine Stimmung noch meine Meinung. Ich frage mich, ob wir in dem Fall nicht besser dran wären, wenn der Westen jene Afghanen, die demokratisch leben wollen, einladen würde, mit uns, zu uns zu kommen? Danach könnten wir dann einen Zaun um Afghanistan ziehen und den Schlüssel weck werfen. Vor allem würden wir aufpassen, dass kein Gramm Opium aus dem Land käme.
Ich muss einfach gestehen dass, je mehr ich über Afghanistan rede und denke, ich umso unsicherer werde. Im Grunde kann ich nur nicht begründen, warum Deutschland am Hindukusch verteidigt wird und das macht mir Probleme.
Nun halte ich mich nicht für den bestinformierten Menschen dieses Landes, liege mit meinem Wissen um diese Dinge jedoch locker über dem Durchschnitt. Wenn ich das schon nicht herbeten kann, muss ich also davon ausgehen, dass die Mehrheit unseres Volkes einen Kreig duldet, von dem es keinen Schimmer hat, wozu der gut ist.
Rechtfertigt das gefallene Soldaten?
Ich denke, unsere Regierung täte gut daran, uns aufzuklären, immerhin leben wir hier in einer Demokratie und es ist nicht gut, wenn der oberste Souverän nicht weiß was los ist.
Es täte der Regierung gut, leasterwelle.de zu lesen. Wenn hier geschrieben steht, dass ich begriffen habe, wozu das da in Afghanistan gut ist, haben sie einen erheblich größeren Teil des Volkes erreicht als gegenwärtig ...
woe 16.04.2010
Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe mich keineswegs entschieden, was ich davon halten soll, dass wir Menschen nach Afghanistan schicken, um dort im Krieg zu kämpfen. Ich weiß aber, dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht und zwei Haubitzen sind am Ende nur Blechbüchsen in denen Menschen sitzen die die Taliban gern grillen wollen.
Zwei Haubitzen, das wird nicht reichen. Die müssen geschützt werden denn sie werden ein begehrtes Ziel sein, auch, weil man mit ihnen weh tun kann.
In vierzig Kilometer Umkreis zu deren Standort wird jeder Fleck getroffen werden können, so der nicht hinter einem allzu steilen Berghang liegt.
Das weiß die andere Seite auch und wird versuchen, die Dinger kaputt zu machen.
Überhaupt fürchte ich, dass die Taliban gezielt Jagt auf Bundeswehrsoldaten machen werden. Sie zielen dabei nicht auf den Mann, der ist ihnen egal, wie die eigenen Leute. Neun, Ziel ist die deutsche Öffentlichkeit, die Stimmung und Land und jeder Sarg wird die verändern.
Ich schäme mich beinahe. Wenn ich mir die Frage stelle, wie ich entscheiden würde, müsste ich das allein tun, ich wüsste keine sofortige Antwort. Ich grüble, ich recherchiere und ich zaudere mit einem eindeutigen Urteil.
Menschenleben sind mir nicht gleichgültig und ich bin froh, die nicht verantworten zu müssen und ebenso freue ich mich, dass ich an keinen Stammtisch passe, mit dieser Meinung.
woe 18.04.2010
Wie so oft, kann sich ein Bürger auch über Afghanistan kaum ein Bild machen, wenn er es nicht wagt, Berichterstattern oder Experten zu glauben. Einziger Ausweg: Ein eigener Besuch in Afghanistan.
Für mich ist der eigene Besuch nicht drinn, ich muss zwischendurch arbeiten. So muss ich also versuchen, all die Experten und Berichterstatter zu verstehen und ich muss heraus finden, welchem von ihnen ich glauben kann und welchem nicht.
Ich will mir ein Urteil bilden, unbedingt. Mir reicht es einfach nicht, mich über Entscheidungen der Politiker auszulassen, ohne selbst eine Position bezogen zu haben.
Das ist übrigens reine Selbstsucht denn ich meine, dass nur Jemand Kritik laut hinaus posaunen darf, der den Mut findet, selbst kritisierbar zu sein. Ich will also nur in meinen Augen legitim meckern dürfen, sonst nichts.
Niemand hat das Privileg unfehlbar zu sein. Eine heute nach bestem Wissen und Gewissen getroffene Entscheidung kann sich morgen als grottenfalsch herausstellen, wenn wirklich alle Fakten ans Licht gekommen sind. Entscheidend für das Leben ist doch am Ende nur, wie sorgfältig ich meine Entscheidungen vorbereite und wie sehr ich mir dessen bewusst bin, fehlbar zu sein. An dieser Hürde scheitern Kleingeister übrigens oft.
Ein gute Ingenieur ist nur dann gut, wenn er Vorsorge getroffen hat, für den Fall, dass die Voraussetzungen sich gefährlich ändern, von denen er ausgegangen ist. Wer also auf einem Vulkan ein Haus baut, muss nicht nur was vom Bauen verstehen sondern auch eine funktionierende Alarmanlage haben und einbauen, die die Bewohner frühzeitig über einen drohenden Einsturz informiert. Dann und nur wenn er auch an einen erfolgversprechenden Fluchtweg gedacht hat, kann er sein Werk mit gutem Gewissen freigeben.
Wir Bürger haben nun das Problem, dass tote Soldaten aus Afghanistan zurück gebracht werden. Selbstverständlich regen wir uns auf, es sind nicht nur Menschen die dort fallen sondern welche von uns. Wir müssen uns aufregen!
Gegenwärtig tun wir alle so, als habe man uns in ein Haus auf einem Vulkan einquartiert, und vergessen uns zu sagen, dass das kein harmloser Hügel sondern ein aktiver Vulkan ist.
Offenbar haben wir sind der kleine Mohammed Atta und seine Truppe in Vergessenheit geraten.
Es ist nämlich längst Krieg und Atta hat sich auf deutschem Boden vorbereitet, die USA anzugreifen. Wir haben nur den Schutt nicht weck räumen müssen, nachdem der Junge sein grausiges Werk verrichtet hatte.
Wir sitzen also in einem Haus auf einem Vulkan und haben beschlossen, die Kämpfe anderenorts stattfinden zu lassen. Unsere Soldaten sind nach Afghanistan gegangen, damit sich dort keine kleinen Attas in aller Seelenruhe auf neue Attentate vorbereiten können.
Unsere Politiker haben nur nicht gesagt, dass das ein Krieg ist. Damit, dass man das umgangssprachlich so nennen kann, rücken sie jetzt erst heraus, weil es nicht mehr anders geht.
Gewiss, die Sauerlandbomber mixten auf deutschem Boden an ihren Sprengsätzen. Die hat man auch hier erwischt, dafür musste man nicht nach Afghanistan. Doch jetzt wird der Einsatz dort richtig teuer: Er kostet Menschenlaben.
Jetzt sollten wir aber nüchtern bleiben und uns klar darüber werden, dass Kriege immer Menschenleben kosten, feindliche und eigene.
Wenn wir also anerkennen, dass wir im Krieg sind, wissen wir zugleich auch, dass wir Verluste erleiden werden.
Wenn tatsächlich Leute in Afghanistan für den Einsatz gegen Deutschland ausgebildet würden, wenn wir den Taliban das Land überließen wäre die Milchmädchenrechnung die, dass wir uns aussuchen, ob die Kolalateralschäden lieber in Afghanistan eintreten sollen oder bei uns vor der Tür, in der Straße in der unsere Kinder spielen.
Deshalb mache ich es mir so schwer ein urteil über Afghanistan zu fällen, deshalb bekomme ich den Reflex nicht auf die Reihe nach raschem Abzug zu rufen. Ich habe die Angst, dass der Peter Struck recht gehabt haben könnte, als er behauptet hat, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt wird.
Ich fürchte, ich lebe in dem Haus auf dem Vulkan und ich weiß, dass ich jetzt die Alarmanlage und den Fluchtweg beurteilen muss. Deshalb lese ich mir nun die Artikel über eine Bundeswehr Oberst Hans-Hinrich Kühl durch. Der war in Afghanistan und scheint über die Strategien und Ziele dort zu reden. Eine kleine Chance mehr für mich, meinen Job als Bürger zu machen und mir selbst ein Urteil zusammenzubauen.
woe 22.04.2010
Betrachtet man einzelne Informationen, hat man das Gefühl, dass die katholische Kirche wohl wenig mit unserer Gesellschaft zu tun haben mag. Die Information, dass in Frankreich ein Geistlicher dafür Lob aus Rom bekam, dass er Missbrauchsfälle nicht der Staatsgewalt gemeldet hatte, nährt nicht allein diesen Verdacht sondern auch den, dass sie sich oberhalb unserer Gesellschaft wähnt.
Auch hier zu Lande klangen viele Reaktionen aus der Kirche so als seien die bösen Buben doch mehr jene, die geschädigt worden waren und nun nicht darüber schwiegen mochten.
Diese Kirche hat auch wortreiche Fürsprecher. Den gleichermaßen wort- wie zorngewaltigen Matthias Matussek zum Beispiel, der sich so gern vom Rausch gut inszenierter Gemeinschaftsrituale davon tragen lässt. Solcherlei Fans lockern das Bild durchaus auf, machen die Organisation insgesamt aber weder seröser noch vertrauenswürdiger. Mattussek ist halt auch nur ein gläubiger, katholischer Wüterich der nicht gern sachlich überzeugt. Dumm nur, dass seine Worte seine Gegner in der Regel weitaus weniger berauschen als ihn so ein Gottesdienst mit all seinem Pomp.
Bei meiner Schelte tanze ich natürlich auf Eiern denn ich weiß sehr wohl, dass diese Kirche unzählige Helfer in ihren Reihen beherbergt und beflügelt, die sich dem Dienst am Menschen verschrieben haben. Vertrieben wir die gesamte katholische Kirche, zertrümmerten wir auch die Arbeit dieser Menschen. Manches Lebenswerk käme dabei zu Unrecht unter die Räder.
Dennoch misstraue ich der Organisation zutiefst. Sie war früher ein fremder Körper in unserer Gesellschaft, bildete sich ihr eigenes Recht ein und meinte, gottgegeben, die bessere zu verkörpern.
Es kommt nicht von Ungefähr, dass viele, die den Davinci Code lasen oder sahen, die Geschichte für utopisch hielten, die Möglichkeit, dass kirchliche Würdenträger Mörder los schicken jedoch nicht.
Was ist es, das die katholische Kirche so anziehend macht, für Leute die gerne Kinder missbrauchen? Ist es die oft geübte Verschlossenheit gegenüber der weltlichen Gerichtsbarkeit? Die Verlässlichkeit eines nach außen verschossenen Systems?
Man hört viel davon, dass diese Kirche böse wird, wenn ein Pater sich öffentlich zu einer Vaterschaft bekennt. Bliebt das geheim, so wird gemunkelt, zahlt sie auch schon mal den Unterhalt für das unzölibatär entstandenen Leben.
Insgesamt hört man viel und manch widersinniges scheint den Menschen ihrer Erfahrung nach sehr wohl plausibel. Mit anderen Worten: Man hält die katholische Kirche allgemein für wenig wahrhaftig.
Ist es das, was die negativen Elemente lockt, die sich da mit schwarzen Roben tarnen?
Einer von denen, die wohl gern mal hingelangt haben, will nun sein Amt räumen: Bischof Mixa mag zurück treten. Er hat zu oft, zu öffentlich und zu spektakulär mit Steinen geworfen, als dass seine Fehltritte nun still unter irgendeinen schwarzen Teppich passen könnten.
Hatte nicht sein Chef zur Vorsicht gemahnt? "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein", sagte er wohl, will man Johannesglauben. Vom Glashaus hatte er nix gesagt, Mixa hat aber mit seinen Steinen diverse Scheiben auch vom eigenen Glashaus zertöppert und so muss er nun gehen.
Welcher tatsächliche Grund auch immer dahinter steckt, die katholische Kirche ist bereit einen ihrer bissigen Streiter aus der Front heraus zu nehmen und ihn in der Versenkung verschwinden zu lassen. Man sollte es nicht glauben aber sie bewegt sich also doch!
woe 25.04.2010
Die Briten und ihr Humor, er ist besser als ihre Küche, ohne Frage.
Nun aber muss sich, wohl aus diplomatischem Anstand, das britische Außenministerium beim Papst entschuldigen, weil ein junge Ministeriumsmitarbeiter sich eine kühnes, wohl humorvoll gemeintes Memo erlaubt hatte, das intern mit Sicherheit mehr Heiterkeit als Entsetzen ausgelöst haben dürfte.
In dem Memo war von einem Brainstorming für den Papstbesuch auf der Insel die Rede und es wurden Vorschläge gesammelt, die natürlich jeden päpstlichen beamten in Harnisch bringen mussten. Öffentlich natürlich auch jeden britischen Bediensteten der königlichen Diplomatenriege.
Die Vorstellung, dass man den Papst tatsächlich bittet, eine Homoehe zu segnen, ist zwar kühn aber nicht abwegig. Naheliegend geradezu, gibt es doch genug Homos in kichlichen Ämtern, denke ich. Die outen sich zwar vorsichtshalber nicht, weil sie offiziell überhaupt nicht gemocht werden, existieren aber dennoch zahllos. Manche, natürlich böse Zungen behaupten gar, der Anteil homophiler Mitarbeiter liege ausgerechnet in der katholischen Kirche weit über dem im Bevölkerungsdurchschnitt. Immerhin sind die Jungs gegen die Anfechtungen weiblicher Gemeindemitglieder immun. Ich hörte von einigen Priestern, dass es in den Gemeinden immer wieder Damen gebe, die ausgerechnet auf Geistliche Jagt machten. Wer schwul ist, hat damit weniger Probleme und ein bekennender Schwuler ist in der Regel auch immun gegen die reize allzu junger Mitmenschen.
Die Eröffnung einer Abtreibungsklinik, ebenfalls ein Vorschlag aus dem sündigen Papier, ist dann eine weitere Forderung, die darauf zielt, in seiner humorigen Potenz besonders britisch zu wirken.
Benedikt-Kondome sind dann aber meine wirklichen Favoriten. Ich stell mir gerade vor, wie der Papst zuerst eine vatikaneigene Kondomfabrik eröffnet und dann deren Produkte in ihrer Förderlichkeit für die Gesundheit der Weltbevölkerung öffentlich preist.
Der Vorsteher einer Organisation, deren Würdenträger sich bisweilen dahin zu versteigen wagen, AIDS als gerechte Strafe Gottes für die Unzucht zu preisen, könnte da mal ein brauchbares Signal setzen. Gegenwärtig wettern katholische Kirchenkreise gegen diese ebenso aussichts- wie segensreiche Erfindung und fördern damit wissentlich die Ausbreitung von AIDS. Wie die das dann vor ihrem Schöpfer verantworten wollen, wenn sie dereinst vor ihn zu treten haben, kann ich mir nicht recht vorstellen. Gewiss wird es ein internes Strategiepapier der Kirche geben. Wenn das vom Chef (ich meine den auf Erden) abgesegnet ist, kann im Grunde nix mehr schief gehen: Der Papst gilt als unfehlbar und seine Untergebenen können versuchen, sich auf Befehlsnotstand raus zu reden. Hat bei den Nazis zwar nicht geklappt, war aber auch ein anderes Gericht.
Insgesamt gesehen, mag ich dem als jung bezeichneten Mitarbeiter des britischen Außenministeriums aber gratulieren: Gut mein Junge, ich hoffe, neben den offiziellen Rügen, die aus diplomatischen Gründen zwingend erforderlich sind, gibt es womöglich einen Job bei der britischen Botschaft im Vatikan.
woe 30.04.2010
Was ist nur los mit Herrn Steinmeier?
Bisher habe ich ihm nicht zugetraut, irgendwo mit erfolg einen Staubsauger unter die Leute zu bringen und seit einigen Wochen bemerke ich deutlich bessere öffentliche Auftritte von dem Mann.
Ob er nun vor Kameras tritt oder sich im SPIEGEL äußert, der Mann hat plötzlich Botschaften die verstehbar sind.
Während sein Chef, diese Kommunikationsbombe aus dem niedersächsischen Hochgebirge, in seiner Rede zu Afghanistan so verschwommen daherplapperte, wie ein seichter Heidebach durch den eine Schnuckenherde trampelt, spricht Steinmeier plötzlich in verständlichen Sätzen und geht auf seine Zuhörer zu. Er übermittelt plötzlich Inhalte und versteckt sich nicht hinter Redewendungen und Allgemeinplätzen.
Was auch immer von dem jüngsten Angebot an die Regierung zu halten ist, in Sachen Griechenland staatstragend zu agieren und nicht die dickköpfige Opposition zu geben, Steinmeier brachte es für meine Ohren glaubwürdig rüber.
Beinahe bin ich versucht zu vermuten, dass PR-Agentur der SPD ihn der extra für die Wahlen in NRW zum Rhetorikkurs geschickt hat und bei der Auswahl seiner Lehrer eine glückliche Hand hatte. Das erklärt aber nicht das neue Selbstbewusstsein, das ihm plötzlich anhaftet.
Ich sehe mit Staunen und hoffe, dass meine tief sitzenden Vorurteile gegen den Mann revidiert werden müssen.
Womöglich erholt er sich einfach langsam vom übermächtigen Müntefering, kommt womöglich aus seiner politischen Pubertät heraus. Steinmeier, runderneuert!?